Meinung: Chinesische Firmen investieren nicht in ihre Angestellten

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Nachdem ich heute erfahren habe, dass Dealextreme den CEO gewechselt hat und dieser – wie alle anderen Shops – eine 6-Tage Woche eingeführt hat, möchte ich mich heute abermals dem Thema Arbeiten in China widmen.

Chinesische Firmen unterscheiden sich signifikant von westlichen Unternehmen und dies kann zu schmerzhaften Erfahrung führen für alle, die in Erwägung ziehen im Land der Mitte zu arbeiten.

Warum dem so ist und wo die Prioritäten liegen, möchte ich in diesem Artikel erläutern. Keineswegs soll hier allerdings angedeutet werden, welche Art der Unternehmensführung besser ist – jeder ist mMn. für sich selbst verantwortlich.

Leben um zu arbeiten, Arbeiten um zu leben

Mein Büro befindet sich im belebten – fast schon überfülltem – High-Tech Park in Shenzhen (高新园, Gaoxinyuan) direkt neben Wolkenkratzern von TCL, Konka oder Skyworth. Tausende Firmen tummeln sich auf engen Raum in den Gebäuden mit mehr als 30 Stockwerken. Auch Elephone, Ulefone und andere bekannte Firmen haben hier eines ihrer Büros.

Die U-Bahn ist in den Morgenstunden zwischen 8 und 9 Uhr so überfüllt, dass Warteschlangen bis zu 30 Minuten möglich sind. Selbst das Mobile LTE-Netzwerk bekommt, abhängig vom Anbieter, regelmäßig Probleme aufgrund der Menschenmasse. Auf chinesisch wird dieses – leider omnipräsente – Phänomen mit der humorvollen Metapher 人山人海  (Rénshān rénhǎi, direkt übersetzt: Menschenberg, Menschenmeer) umschrieben.

Ein wahnsinniger Anblick, selbst wenn europäische Metropolen wie London, Berlin oder Paris zum Vergleich herangezogen werden.

Der gewöhnliche Büroalltag eines größeren chinesischen Unternehmen folgt ungefähr diesem Zeitplan:

Es sollte dabei nicht vergessen werden, dass Unpünktlichkeit von den meisten Unternehmen bestraft wird. In meinem Fall wurde jede versäumte Minute mit 1CN¥ (rund 0,13€) bestraft. Wer jeden Tag pünktlich zur Arbeit erscheint, der bekam einen monatlichen Bonus von rund 10€.

Somit ist es kein Wunder, dass kaum jemand zu spät kommt und persönliche Dinge während der Arbeitszeit erledigt werden – genug Zeit ist bei so langen Arbeitstagen vorhanden. Viele füllen ihren Schreibtisch im Großraumbüro, welches oft mit mehreren hundert Arbeitskollegen geteilt wird, mit persönlichen Gegenständen, Snacks oder anderen Utensilien.

22 Arbeitstage und unbezahlte Überstunden

Hinzu kommt, dass viele Unternehmen, gerade im E-Commerce, auf eine 6-Tage Woche setzen. Jeden zweiten Samstag wird gearbeitet und offizielle Feiertage werden in manchen Unternehmen durch zusätzliche Samstage nachgeholt. So sind Arbeitswochen mit über 50 Stunden (ohne Überstunden, inklusive Pausen) keine Seltenheit.

Wie das möglich und erlaubt ist? Firmen können bei der regionalen Regierung um eine Erlaubnis bitten, die in der Regel gestattet wird – völlig legal und ohne große Vorteile für die Arbeitnehmer. Allgemein wird sich nicht an die Gesetze gehalten, da niemand es wagen würden den Arbeitgeber zu verklagen.

Übrigens! Neben Feiertagen gibt es meist nur 5 bezahlte Urlaubstage pro Jahr.

Überstunden werden in vielen Unternehmen nicht bezahlt. Viele Unternehmen nutzen auch einen Trick, um rechtliche Schritte zu umgehen. Angestellte bekommen einen Arbeitsvertrag mit Mindestlohn (2500CN¥ ,rund 330€) – ein Steuertrick, da das restliche Gehalt als Bonus ausgezahlt wird. Von diesem Betrag werden dann die Preise für Überstunden berechnet und somit sind 2€ pro Stunde völlig normal.

Die meisten Arbeitgeber handhaben dies allerdings nach eigenem Ermessen und so wird, da viele Arbeitnehmer dies ausnutzen und bis 10 oder 11 Uhr im Büro abhängen, der Lohn für Überstunden komplett gestrichen.

Dealextreme, die ihren CEO in den letzten Woche gewechselt haben, ist der letzte bekannte China-Shop, der jeden zweiten Samstag zur Arbeit aufruft!

Geringe Grundlöhne, große Bonusversprechen

Obwohl Shenzhen (fälschlicherweise) oft als das Silicon Valley Chinas betitelt wird, sind die Löhne immer noch sehr gering. Durchschnittlich verdient ein Arbeitnehmer in Shenzhen rund 8500-9000CN¥ (1100-1200€) Brutto pro Monat. Allerdings verdient der durchschnittliche Arbeitnehmer in den Shops, von denen ihr kauft, zu Anfang rund 4000-5000CN¥ (585-650€), obwohl diese international agierenden Unternehmen mindestens einen Bachelorabschluss als Voraussetzung angeben.

In höheren Positionen – in China meist ein sehr kleiner Kreis – werden allerdings Gehälter in Millionenhöhe vergeben. Durch diese günstigen Löhne werden somit mehr Leute eingestellt, anstatt das bestehende Team zu verstärken und besser auszurüsten.

Zum Vergleich: Deutschlands Gini-Koeffizient liegt bei 30 Punkten.

Der Gini-Koeffizient ist hier ein bedeutender Indikator, um die Einkommensverteilung in China darzustellen. In 2016 besaßen die reichsten 1% rund ein Drittel des gesamten Wohlstandes in der Volksrepublik.

Ausgeglichen wird das geringe Einkommen durch Leistungsorientierte Boni, die Neuankömmlinge zu harter Arbeit und vielen Überstunden überreden sollen. Die besten Mitarbeiter in einfachen Positionen bzw. jene, die am längsten im Unternehmen arbeiten, erhalten so eine ordentliche Summe von 6.000-10.000€ (und mehr) pro Jahr also Bonus. Im schlechtesten Fall gibt es lediglich ein 13. Gehalt.

Verlockend, aber das System hat einige Schwächen. Leider ist das Bonussystem in den Grundsätzen sehr primitiv, sodass Mitarbeiter im Sales-Team oder Marketing, die am längsten für das Unternehmen arbeiten, diverse Ressourcen ohne Zeitbegrenzung und Qualitätsüberprüfung für sich beanspruchen können – ein Selbstläufer mit garantiertem Bonus. Neuankömmlinge haben so keine Chance bereits etablierte Partnerschaften zu überschreiben und müssen sich somit mit kleinen Häppchen, die mit einem geringen Bonus gleichzusetzen sind, begnügen. Gleichzeitig müssen diese allerdings mehr leisten, da neue Kooperationen immer mehr Arbeit bedeuten.

Hinzu kommen meist utopische Anforderungen, die ebenfalls sehr primitiv berechnet werden. Muss ein Unternehmen um 100% im Jahr wachsen, um Anleger glücklich zu machen, werden die Anforderungen Quartalsweise um 25-30% erhöht, ohne alle relevanten Metriken einzubeziehen. Bei Fragen zu diesem Thema, stellt sie in den Kommentaren, da die genaue Ausführung deutlich komplexer ist. Auch Unternehmen in Deutschland machen oft diesen Fehler, allerdings ist die Basis für viele Arbeitnehmer im Westen, deutlich besser.

Das schlimmste ist allerdings: Je nach Gefühl und persönlicher Vorliebe können Vorgesetzte diese Regelungen überschreiben. Grundsätzlich herrscht somit immer große Enttäuschung, wenn Boni vergeben werden. Eine Turnover rate (Fluktuationsrate) von über 20-30% ist in chinesischen Unternehmen daher keine Seltenheit.

Gefälschte Daten und Statistiken

Aufgrund des hohen Drucks wird in viele chinesischen Unternehmen gemogelt. Da Systeme nicht wirklich auf dem neuesten Stand sind und Mitarbeiter logischerweise alles versuchen, um ihre gesetzten Ziele zu erreichen, werden Werte gefälscht und beschönigt. Dies sorgt auch auf nationaler Ebene zu großen Problemen.

Erst in dieser Woche wurde aufgedeckt, dass der zweitgrößte Impfstoff-Hersteller in China zum wiederholten Male unqualifizierte Ware lieferte. Betroffen sind hunderttausende Kinder in China, wie die South China Morning Post aus Hong Kong (von Alibaba aufgekauft) berichtete.

Die Strafen sind lächerlich und der Zensurapparat des Landes arbeitet hart daran, dass die Berichterstattung und die „Meinungsmache“ auf Plattformen wie Weibo oder WeChat zensiert wird. Ein vernünftiger Diskurs ist in China somit nicht möglich. Schließlich ist die eigene Regierung in diese Unternehmen involviert.

Minimale Förderung, maximale Ersetzbarkeit

Nur die wenigsten Unternehmen setzen auf effektive Weiterbildung. In China ist qualitative Fortbildung nicht nur sehr teuer, sondern oft nicht gern gesehen, da Geld in Arbeitskräfte investiert wird, die dann zu größeren Unternehmen wie Tencent oder Alibaba – der Traum für jeden Lebenslauf – wechseln würden.

Wenn überhaupt werden Informationsveranstaltungen von den eigenen Mitarbeitern bzw. Teamleitern gegeben, die Interessierte informieren sollen. Gute Unternehmen engagieren Dritte, die kostengünstig diverse Kurse anbieten. Traurigerweise sind diese qualitativ so schlecht, dass sie nicht als erweiterte Qualifikation angesehen werden sollten.

Es ergibt sich allerdings ein weiteres Problem: Lernen Mitarbeiter von Mitarbeitern, dann wird zwar mitgeteilt wie das Unternehmen mit Situationen umgeht, aber die eigentliche theoretische Basis – das Grundkonzept der Sache – kann so niemals übermittelt werden.

An Events mangelt es in Städten wie Shenzhen allerdings nicht. Ob Brot oder Blockchain, für alles gibt es eine „internationale“ Konferenz, um Kontakte zu knüpfen.

So bleibt es jedem selbst überlassen, sich fortzubilden, sich zu verbessern und anschließend einen besseren Bonus zu erhalten, da ein Mehrwert für das Unternehmen produziert wird. Zwar deutlich schwieriger für den Einzelnen, aber so trennt sich Spreu von Weizen in diesen Unternehmen.

Wer dies über Jahre durchsteht und stetig an sich arbeitet, der hat meiner Meinung nach in (erfolgreichen) chinesischen Unternehmen bessere Aufstiegschancen als in Deutschland! Allerdings sind Hürden und Basis deutlich schwieriger zu überkommen.

Wer dies nicht schafft bzw. seine Prioritäten woanders setzt, der merkt schnell, wie einfach das Unternehmen die Position neu besetzen kann. Da die Aufgaben in den niedrigen Positionen sehr (sehr!) leicht sind und jährlich Millionen neue Uni-Absolventen auf den Arbeitsmarkt schwemmen, ist die Konkurrenz groß und die eigenen Qualitäten redundant.

Geringe Löhne, großes Marketingbudget

Wie sich diese Unterschiede in der Unternehmensführung bemerkbar machen, lässt sich vor allem mit einem Blick in die Budgetverteilung veranschaulichen. Während amerikanische Start Ups aus dem innovativem Silicon Valley besonders in Talent und Angestellte investieren, wird in Asien das Geld in Marketing gesteckt.

Personal- und Marketingausgaben Silicon Valley und Asien im Vergleich. (Quelle: Techinasia.com)

Welche Strategie hier nun die bessere ist, möchte ich gar nicht beurteilen, aber die Unterschiede sind drastisch. Hier zeigt sich vor allem eine große Diskrepanz in Sachen Planung. Marketing und Werbung sind ein Mittel, um kurzfristige Erfolge zu erreichen, die zwar einfacher zu messen sind, aber langfristig keinen Fortschritt für das Produkt darstellen.

Marodes System und großes Potential

Obwohl viel über China in den Medien geredet wird (leider ohne besonders großes Wissen und Recherche) und auch in Deutschland immer mehr Einfluss von den Unternehmen aus Fernost ausgeübt wird, sind selbst Größen in der chinesischen Wirtschaft noch immer skeptisch. Huaweis Gründer Ren Zhengfei sagte vor einiger Zeit, dass China technologisch immer noch bis zu 60 Jahre hinterherhinkt.

Durch den großen Technologietransfer, den westliche Unternehmen zum Spottpreis angeboten haben, holen allerdings viele Unternehmen, von denen die meisten hier wahrscheinlich noch nie gehört haben, schnell auf. Ob so langfristig allerdings der Erfolg garantiert ist, wage ich noch zu bezweifeln. Fakt ist, dass immer mehr große chinesische Unternehmen auf die internationale Bühne treten werden.

Sorgen machen mir allerdings die mittelgroßen Unternehmen wie Shops und Marken, die nur im Ausland agieren. Durch das marode System und einer schwachen Basis sehe ich große Probleme und bezweifele, dass die meisten Unternehmen sich so in den nächsten 20-30 nJahren durchsetzen können.

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